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Expertentalk Blockchain

02 Dezember 2019

Blockchain ist in aller Munde. Doch inwiefern ist sie schon alltagstauglich und welche Chancen bietet diese Technik speziell für Privatpersonen und kleine bis mittelständische Unternehmen?

Die Blockchain-Technologie scheint derzeit omnipräsent zu sein – und wird dennoch stets von vielen Fragezeichen begleitet. Im Rahmen eines Expertentalks begrüßte Eva Komarek, General Editor for Trend Topics der Styria Media Group mit Gabriele Bolek-Fügl, Director IT-Audit & Advisory bei BDO, Daniela Heilinger, Steuerberaterin und Partnerin bei BDO sowie Kathrin Gfall-Gapp, Head of Long Term Funding and Execution der Erste Group, drei Expertinnen auf diesem Gebiet, um Chancen und Herausforderungen im Zusammenhang mit Blockchain zu diskutieren.

Anwendungsmöglichkeiten

„Während das Internet Informationen übermittelt, dient die Blockchain der Übermittlung von Besitz“, brachte IT-Expertin Gabriele Bolek-Fügl die neue Technologie auf den Punkt. Dem entspricht auch die Entstehung der Blockchain im Zuge der Erfindung der bekanntesten Cyberwährung Bitcoin. Die Vorteile dieser Technik können allerdings auch für zahlreiche andere Anwendungen genutzt werden. Denn die Blockchain ist praktisch fälschungssicher: Die Gültigkeit des eingetragenen Datensatzes, eines Blocks, wird von verschiedenen Nutzern bestätigt und dieser kann anschließend nicht wieder entfernt werden. Neu eingegebene Daten müssen ebenfalls von den Nutzern verifiziert werden und werden anschließend wie in einer Kette an den bestehenden Block angehängt - daher auch der Name. Da die Blockchain nicht zentral gespeichert ist, kann sie nicht von einzelnen Nutzern ohne die Zustimmung der anderen manipuliert werden. „Die Blockchain bietet immenses Potential für die Abbildung von Transaktionen, z. B. auch im Buchhaltungs- und Steuerbereich“, betonte Daniela Heilinger von BDO. Gerade unternehmensübergreifende komplexe Prozesse lassen sich in der Blockchain einfach abbilden und können gleichzeitig mit automatisierten Anwendungen verknüpft werden. Gabriele Bolek-Fügl nannte exemplarisch die Reise einer Avocado von der Plantage bis zum Supermarkt: Versieht man die Frucht mit einem Token, einer digitalen Kennung, ist jeder Beteiligte am Prozess via Scan in der Lage, seine Arbeitsleistung in der Blockchain zu hinterlegen. Die Abrechnung für Ernte und Transport könnte so voll automatisiert erfolgen. Neben den öffentlichen Blockchains, wie z.B. für Bitcoin, bietet die variable Technologie auch die Möglichkeit einer privaten Blockchain für einen klar definierten Nutzerkreis. Eine solche ist bei der Erste Group bereits im Einsatz.

Blockchain-Anwendung in der Erste Group

Die Erste Group hat eine blockchainbasierte Schuldscheindarlehens-Plattform namens Dealfabrix entwickelt, auf der man Emittenten und Investoren zusammenführt. An einem Schuldscheindarlehen von 100 Millionen Euro für ein Unternehmen sind im Schnitt 60 bis 70 Investoren beteiligt. Der bisherige Prozess umfasste somit Mehrfachkopien von 60 bis 70 Vertragsabschlüsse, d. h. jede Menge Unterschriften und eine ganze Flut von Papier. „In der Regel dauerte es bis zu zwei Wochen, bis so ein Prozess unter Dach und Fach war“, erklärte die Erste Group Vertreterin Kathrin Gfall-Gapp. „Dank der Blockchain geschieht dies nun in wenigen Sekunden. Jede Zustimmung erscheint in Echtzeitung und ermöglicht so einen transparenten Abschluss.“ Denn die Unterschrift der Vertragspartner wird durch einen Klick ersetzt, ähnlich wie bei einer Hotel- oder Flug-Buchung im Internet. Gerade die Kundenfreundlichkeit erwies sich als besonders wichtig bei der Aufsetzung des Prozesses. Denn für die Emittenten und Investoren funktioniert der Vorgang wie herkömmliches Webbanking, die Blockchain im Hintergrund nimmt der User nicht wahr. Rechtlich sind die Vertragsabschlüsse via Online-Tool in diesem Fall zulässig, weil Schuldscheindarlehen formfrei abgeschlossen werden dürfen: Eine übereinstimmende Willenserklärung der Teilnehmer genügt.

Rechtsrahmen veraltet

Vielen anderen potentiellen Anwendungsfeldern der Blockchain im Finanzbereich steht derzeit noch das österreichische Recht entgegen, das auf die digitalen Vertragsabschlüsse schlicht noch nicht eingestellt ist. Das Emittieren von Wertpapieren setzt in vielen Fällen beispielsweise eine handschriftliche Unterzeichnung der Verträge voraus und kann somit nicht in der Blockchain abgebildet werden. Bei anderen Verträgen ist unser Recht außerdem auf Vertragspartner ausgerichtet, die in der Blockchain nicht in herkömmlicher Weise vorhanden sind. Beim Aufsetzen einer Blockchain-Lösung ist der interdisziplinäre Austausch daher sehr wichtig: Neben der IT-Abteilung sollte stets auch der juristische Kontext mit einbezogen werden. „Vor allem in der Buchhaltung und Steuerdokumentation besteht immenses Potenzial. Zeitaufwändige Buchungen und Prüfungen könnten – eine entsprechende Rechtslage vorausgesetzt – bald der Vergangenheit angehören.“ so Daniela Heilinger, die bei BDO Steuerthemen und IT-Lösungen zusammenführt.

Transparent und sicher

Blockchain-Anwendungen eignen sich generell für alle traditionell papierbasierten Prozesse, die aufgrund der Vielzahl an Teilnehmern oft sehr langsam sind, vor allem bei unternehmensübergreifenden Abläufen. In der Blockchain können diese einerseits in Echtzeit und für alle Beteiligten transparent abgebildet werden. Andererseits wird gleichzeitig ihre Echtheit verifiziert und die Information fälschungssicher hinterlegt. „Um die Integrität von Dokumenten zu beweisen ist die Blockchain ideal. So können beispielsweise Papiergutachten ersetzt werden, um Fälschungen oder Manipulationen vorzubeugen“, betonte Gabriele Bolek-Fügl. Dennoch ist die Blockchain kein Allheilmittel: „Bei Zweierkonstellationen ist in der Regel eine Datenbankanwendung einfacher, schneller und vollkommen ausreichend“, sagte Gabriele Bolek-Fügl.

Nachhaltigkeit

„Die Blockchain vergisst nicht. Alles was dort einmal abgebildet wurde, kann nie wieder gelöscht werden. Das macht sie zwar praktisch fälschungssicher, allerdings geht diese Datenmenge mit einem großen Bedarf an Speichervolumen einher“, erklärte Gabriele Bolek-Fügl. Nicht zu verwechseln sei dies aber mit dem sog. Bitcoinschürfen, der Suche nach neuen Bitcoin-Codes, die mit einer immensen Rechenleistung und damit mit einem sehr hohen Energiebedarf verbunden ist. „Die Dealfabrix-Blockchain der Erste Group hat einen Energieaufwand, der mit dem einer Datenbank vergleichbar ist. Gleichzeitig sparen wir aber an Papier und Transport, schonen so Ressourcen und sind unter dem Strich deutlich nachhaltiger als bei herkömmlichen Vertragsabschlüssen“, freute sich Kathrin Gfall-Gapp.

Die Zukunft der Blockchain

Viele Unternehmen verfügen über Prozesse, die mithilfe der Blockchain effizienter und schneller umzusetzen wären. Jedoch gelangen 90% der Betriebe, in denen über eine entsprechende Anwendung nachgedacht wird, nicht über die Planungsphase hinaus. „In Kundengesprächen wird derzeit immer wieder klar, dass das Thema Blockchain gerade die mittelständischen Unternehmen umtreibt,“ betonte Gabriele Bolek-Fügl. „Daher bietet BDO bereits den Service einer Prozesserhebung an, um Potentiale aufzuzeigen. Wir unterstützen unsere Kunden, Zeit und unnötigen Aufwand durch die Blockchain einzusparen, damit sie sich ganz auf ihr Kerngeschäft konzentrieren können.“ Daniela Heilinger ergänzt abschließend: „Natürlich wird die Blockchain gerade sehr gehypt und man muss abwarten, wo sie unseren Alltag tatsächlich langfristig verändern wird. Im Sinne der Wettbewerbsfähigkeit sollten Unternehmen allerdings zumindest die Möglichkeiten der neuen Technologie ausloten.“

„Das Internet übermittelt Informationen, die Blockchain übermittelt Besitz.“ Gabriele Bolek-Fügl, Director Advisory BDO

„Gerade bei zeitaufwändigen Prozessen wie der Steuerdokumentation verfügt die Blockchain über immenses Potential.“ Daniela Heilinger, Steuerberaterin und Partnerin BDO