Die Angst im Abo und an allem ist Bitcoin schuld

Politischer Aktivismus ebbt nicht ab. Der ehemalige nationale Sicherheitsberater Michael Flynn musste Ende Mai seine öffentlichen Äußerungen revidieren, dass möglicherweise ein Militärputsch nach dem Vorbild von Myanmar in den USA „nicht schlecht wäre“ (O-Ton: „It should happen.“). Amerikanischen Bundesbeamten, die früher bei der Frage zur Kenntnis eines Putschversuches bei ihrer Zuverlässigkeitsüberprüfung schmunzelten, vergeht bei solchen Aussagen mittlerweile der Spaß. Das durch die Pandemie empfindlich gestörte Sicherheitsbedürfnis vieler Bürgerinnen und Bürger wird mittlerweile von Start-ups monetisiert: Citizen verkauft sich als privates soziales Netzwerk, das gemeinsam mit einem privaten Sicherheitsdienst die Bewohnerinnen und Bewohner von Gemeinden, Bezirken oder Straßenzügen schützen will. Die Alarmmeldungen und Videos von Verhaftungen Drogenabhängiger und Kleinkrimineller durch engagierte und über Citizen vernetzte Mitbürgerinnen und Mitbürger1) sind gemäß investigativen Journalisten gestellt und wurden von professionellen Kamerateams dokumentiert. Verkauft wird also die „Angst im Abo“ für monatlich USD 10. Der Trend, dass soziale Netzwerke unser Leben über manipulierte Inhalte bestimmen wollen, bleibt weiterhin bestehen.


Geopolitisch dominierte in westlichen Medien im Mai die weißrussische „Luftpiraterie“ und Entführung von Roman Protassewitsch, einem weißrussischen Regimekritiker. Ein einmaliger Vorfall? Der ehemalige russische Dissident und Star-Tänzer Mikhail Baryshnikov soll bereits vor Jahrzehnten seine geplanten Flugreisen mit einer Route über dem Hoheitsgebiet der damaligen UDSSR aus Vorsichtsgründen umgebucht haben. Jedoch gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen damals und heute: Die Datenlecks der letzten Jahre in Hotelbuchungssystemen, Reiseportalen und Reservierungssystemen erleichtern Nachrichtendiensten die Nachverfolgung von Regimegegnern ungemein. Heutige Datenlecks und Sicherheitslücken entsprechen den damaligen Fotokopien von Reisepässen, die vor dem Internet von Hotelangestellten für die damaligen Geheimdienste angefertigt und übergeben wurden. Die Bewegungsprofile von ausländischen Reisenden bleiben uneingeschränkt ein Interesse von Nachrichtendiensten, mittlerweile aber auch von Cyberkriminellen.


Auch staatlich sanktionierte Spionage braucht externe Dienstleister. In Russland plant das Unternehmen Positive Technologies gerade den Gang an die Börse, was westliche Experten natürlich überaus kritisch sehen: Das Unternehmen veranstalte nicht nur einen russischen Hacker-Wettbewerb, sondern entwickle auch Lösungen und Techniken für Cyberspionage. Der amerikanische Cybersicherheitsexperte Dmitri Alperovitch (die Eltern waren russische Immigranten) kommentiert dies trocken und pragmatisch: Nachrichtendienste machen einfach ihre Aufgaben, egal wo und in welchem Land. Aktuelle Lieferkettenbedrohungen fokussieren verstärkt digitale Plattformen zum sicheren Austausch von sensitiven Daten. Nach Angriffen auf Accellion „File Transfer Appliance“ oder Soliton „FileZen“, ist vor kurzem in Japan das Fujitsu „ProjectWEB“ angegriffen worden und diverse staatliche Kunden mussten ihre Zugänge schließen. Auch hier sehen wir kein absehbares Ende solcher Spionage-Aktivitäten, auch wenn die Angreifer unterschiedliche Motive haben. 


Virtuelle Lösegelderpressungen sollen nur wegen Kryptowährungen wie Bitcoin und Ethereum möglich sein, wie manche konservative Politiker und Experten aktuell öffentlich behaupten. Was diese Experten aus ihrer Logik ableiten, ist bereits vorprogrammiert: Nur ein Verbot von Kryptowährungen kann die globale Ransomware-Pandemie für immer stoppen. Das positive an dieser Diskussion ist zumindest, dass seit dem „Krieg gegen Drogen“ im Jahr 1972 das für Drogengeschäfte notwendige Bargeld bis heute nicht abgeschafft werden konnte. Auch hier erkennen Experten eine Analogie: Kryptobörsen im In- und Ausland müssten sich den gleichen Geldwäschestandards unterziehen, wie eben auch inländische Banken. Was diese Experten übersehen, sind übrigens die Risikoprämien der Cyberkriminellen für Transaktionen mit Bitcoin – über 10% und mehr. Während also Bitcoin im Mainstream als klimaschlecht, höchst spekulativ und potenziell illegal diskutiert wird, zwingen Cyberkriminelle ihre Opfer in die Bezahlung über alternative Kryptowährungen, die weder nachvollziehbar noch national regulierbar sind – und wandeln die Beute am Ende des Tages wieder in Devisen und Edelmetalle um. Die Trends bei Ransomware-Angriffen und digitaler Schutzgeld-Erpressung durch Datenlecks scheinen weiterhin ungebrochen, bis sich international etwas bei politisch-unbequemen Themen wie Entwicklungshilfe, Deeskalation und Kooperation ändert.

1 In den USA und weiteren Ländern gibt es den sog. Citizen's arrest: Eine Festnahme von Straftätern und die Übergabe an Polizeibehörden durch private Bürgerinnen und Bürger. Siehe auch https://en.wikipedia.org/wiki/Citizen's_arrest 

 

Das nächste Update folgt im Juli 2021. Benötigen Sie Literaturhinweise oder interessieren Sie sich für unsere Leistungen in diesem Bereich? Intelligence unterstützt Sie dabei, komplexe Zusammenhänge zu verstehen und Cyber- bzw. wirtschaftliche Risiken zu bewerten. Unser Expertenteam mit Ewald Kager, Lorenz Szabo und Lena Knauder steht Ihnen gerne mit Rat und Tat zur Seite.