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Neue IFRS Leasing-Bilanzierung: "biggest-ever accounting change"

13 Jänner 2016

Der heute um Mitternacht vom internationalen Rechnungslegungs-Standardsetter International Accounting Standards Board (IASB) in London veröffentlichte neue IFRS-Leasingstandard wird von Brancheninsidern als „the biggest-ever accounting change“ gesehen.

Seit 2005 kämpfen IASB und seinem US-amerikanisches Pendant Financial Accounting Standards Board (FASB) Hand in Hand dafür, die Leasingverträge von Leasingnehmern umfassend „on balance“ zu stellen. „Ich möchte einmal in einem Flugzeug fliegen, das in der Bilanz seiner Airline auch enthalten ist“ pflegte Sir David Tweedie, der ehemalige Vorsitzende des IASB, zu sagen. Die  Motivation dafür ist grundsätzlich nachvollziehbar: Die Miet- und Leasingverpflichtungen börsenotierter Unternehmen summieren sich weltweit auf rd 3,3 Billionen USD. Und mehr als 85% davon sind nicht in den Bilanzen der betroffenen Unternehmen zu finden. Der neue Bilanzierungs-Standard IFRS 16 macht dem den Garaus. Künftig sind alle Miet- und Leasingverpflichtungen mit einer Laufzeit von mehr als 12 Monaten in der Bilanz des Mieters bzw. Leasingnehmers abzubilden. Davon ausgenommen sind nur Leasingverträge für geringwertige Vermögensgegenstände wie etwa Handys, PC’s und kleinere Büromöbel. Das IASB geht deshalb auch davon aus, dass KMU’s in der Regel weniger betroffen sind.

Die Auswirkungen der neuen Bilanzierungsregeln sind ansonsten umstritten. Trotz einer  – vom IASB intendierten – massiven Erhöhung der Finanzschulden und der damit verbundenen Verschlechterung von Verschuldungsgrad und Eigenkapitalquoten in den IFRS-Bilanzen der Leasingnehmer geht das IASB davon aus, dass sich die Finanzierungskonditionen der betroffenen Unternehmen grundsätzlich nicht verschlechtern werden. Das IASB verweist darauf, dass ausstehende Leasingverpflichtungen von Ratingagenturen und vielen Banken und Finanzinstituten bereits jetzt in ihren Analysen berücksichtigt werden. Die künftige Darstellung innerhalb der Bilanz - anstatt außerhalb in den Erläuterungen dazu - beseitige nur Unsicherheiten bei der Analyse. 

Andere Studien sehen demgegenüber sehr wohl „Wahrnehmungsdefizite“ für derzeitige „off-balance“ Leasingverträge im Rahmen der Bonitätsanalyse. Hier wird befürchtet, dass  Unternehmen künftig bestrebt sein werden, der Beseitigung der bestehenden „blinden Flecken“ durch die Bilanzierung zusätzlicher Schulden dadurch entgegen zu wirken, dass die Schulden und damit verbunden leider auch die Aktivitäten in anderen Bereichen reduziert werden. Dies hätte wirtschaftsdämpfende Effekte.  

Die Auswirkungen auf Leasingnehmer schwanken nach Branchen,  aber auch innerhalb dieser je nach Inanspruchnahme von Leasing durch das individuelle Unternehmen. Stark betroffen ist jedenfalls  der Handel, da dieser seine Verkaufsflächen in den meisten Fällen anmietet. Die Mietverhältnisse und Verpflichtungen dafür sind künftig zu bilanzieren. Für die börsenotierten Handelsunternehmen errechnete das IASB in seiner Studie eine Ausweitung der Bilanzsumme von rd 21,4% und eine Erhöhung des Verschuldungsgrades von 48% auf 126%!  Ähnlich stark betroffen sind Fluglinien, gefolgt von Unternehmen der Reise- und Freizeit Industrie sowie dem Transportwesen. Verpflichtend anzuwenden sind die neuen IFRS-Regeln in Österreich nach der Übernahme in den europäischen Rechtsbestand durch die EU grundsätzlich nur für kapitalmarktorientierte Unternehmen, mit Aktien oder Anleihen auf einem geregelten Markt. Allerdings hat in den letzten Jahren auch eine Vielzahl anderer und kleinerer Unternehmen die IFRS freiwillig als Bilanzierungsstandard übernommen, sodass auch diese von den Änderungen betroffen sind.     

Negative Effekte sind grundsätzlich auch auf Seiten der Leasinggeber und Finanzinstitute zu befürchten. Die Ausweitung der Bilanzschulden der Leasingnehmer hat eine negative Auswirkung auf ihr regulatorisches Eigenkapital (Stichwort Basel III). Aufgrund ihrer Simulationen für 20 europäische Banken ist das IASB aber auch hier überzeugt, dass sich die Probleme in Grenzen halten werden: für rund die Hälfte der betrachteten Banken reduzierte sich die Eigenkapitalquote um weniger als 0,2%, die Eigenkapitalminderung lag bei allen Banken unter 0,5%.

Durch die Erfassung der Schulden „on balance“ verliert das Leasing ein wichtiges Argument als Finanzierungsform. Das befürchtet nicht nur die Leasingbranche, sondern räumt auch das IASB ein. Davon betroffen sind nicht zuletzt auch kleinere Unternehmen, für die Leasing eine wesentliche Finanzierungsquelle darstellt. Um seine Attraktivität als Finanzierungsinstrument zu erhalten, müssen daher künftig wohl auch andere Vorteile des Leasing verstärkt beworben werden. Ansonsten werden wohl klassische Kredite wieder mehr gefragt sein. 

Ob es durch die neuen Bilanzierungsvorschriften tatsächlich zu einer Reduktion des Leasingmarktes kommt oder andere befürchtete negative Effekte eintreten, wird man allerdings erst in einigen Jahren sehen. Das Inkrafttreten des neuen Standards IFRS 16 ist grundsätzlich für den 1.1.2019 vorgesehen. Bei vorheriger Übernahme in den Rechtsbestand der EU (Endorsement) können die neuen Regeln freiwillig auch schon vorher angewendet werden.